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Klára Vlasáková und Petr Šesták

Stipendiaten 2018

Mobirise
Worpswede von Klára Vlasáková
Eine der schönsten Dinge an diesem literarischen Aufenthalt ist, wie sich alles auf einmal verlangsamt. Erscheinungen, die mir sonst gleichgültig wären, stellen für mich jetzt bedeutsame Ereignisse dar.
Wenn die hiesigen Pferde und Kühe von einer Wiese zur anderen wechseln, oder wenn der erste Frost das Gras unter den Füßen auf einmal trocken und hart werden lässt, dann ist das ein wesentlicher Moment, der beeinflusst, woran der Rest des Tages gemessen wird.
Je älter ich werde, desto weniger versuche ich, vorher über die Orte, wohin ich fahre, in Erfahrung zu bringen. Ich weiß nicht, ob das die aufwändig genährte Fähigkeit ist, noch staunen zu können, oder ob es nur Faulheit ist. Aber meistens vermeide ich so die unangenehme - für Touristen typische - Situation, dass man an den entsprechenden Ort kommt, der einem zwar gefällt - das ja! ganz bestimmt!, den man sich aber - von dem, was man gelesen hatte und von den Fotos her - doch ein bisschen anders vorgestellt hatte.
Über Worpswede wusste ich im Großen und Ganzen nicht viel, nur wenig über die Verbindung zu berühmten Künstlern und Künstlerinnen, die hier im Laufe der Zeit lebten und arbeiteten. Den Ort lernte ich erst dadurch kennen, dass ich schrittweise meine täglichen Trajektorien schuf - in die Stadt, auf die Wiese, in Galerien. In einem solch kleinen Ort wie diesem geht es relativ schnell, sich ein eigenes Netz an Punkten und Pfaden zu bilden, die den Eindruck erwecken, man habe hier viel mehr Zeit verbracht als in Wirklichkeit und dass man sich hier doch ganz gut auskennt. Es gibt nur wenige Dinge, die ich am Kennenlernen neuer Orte mehr liebe, als dieses vergängliche Gefühl des Zuhause-Seins, wenn der Ort nicht nur ein schnell abgehakter Punkt auf einer Liste ist, sondern allmählich in die täglichen Gewohnheiten hineinwächst. Die mit Schreiben, Lesen, Kochen und Aus-dem-Fenster-Schauen auf die sich verändernde Landschaft angefüllte Zeit dehnt sich aus in eine – wie soll ich sagen – angenehm unbegrenzte Masse, in der sich der Schaffensprozess aus etwas, das eingezwängt war zwischen dem Zur-Arbeit-Fahren, der Arbeit und dem Von-der-Arbeit-nach-Hause-Fahren zum Hauptinhalt des Tages wandelt, dem sich alles unterordnet.
Für mein Stipendium habe ich zum Teil richtigen Erholungsurlaub und zum Teil unbezahlten Urlaub genommen. Am ersten Wochenende hatte ich das unangenehme Gefühl, irgendetwas Wichtiges nicht getan oder erledigt zu haben. Ich habe versucht, diesen Gedanken schnell zu verscheuchen, aber ich war nicht konsequent genug, um mich vollständig von den E-Mails und sozialen Netzwerken abzunabeln. Und so habe ich meinen überarbeiteten Freunden Fotos der hiesigen Landschaft geschickt und sie antworteten mir, dass sie auch gerne an so einen Ort fahren würden, weil sie auch eine Pause brauchen und ich weiß, dass sie überhaupt nicht übertreiben. Diese Frage übersteigt natürlich den Rahmen eines Künstlerstipendiums, es ist eher ein Anreiz zum Nachdenken, den vielleicht andere Stellen aufgreifen sollten, aber sollten wir nicht alle Anspruch auf solch ein (minimal) einmonatiges Abnabeln haben? Für mich kann ich sagen, dass es nur wenige Dinge gibt, die die Vorstellungskraft und die Lust etwas zu tun, mehr entfachen, als das Aus-dem-Fenster-Schauen auf gefrorenes Gras und fallendes Laub.
Übersetzung aus dem Tschechischen: Sabine Andrae
Dieser Text entstand im Rahmen des Pilotprojekts »Tapetenwechsel« - Ein deutsch-tschechischer Kulturaustausch während des vierwöchigen Arbeitsaufenthalt (5.11.-2.12.2018) der tschechischen Schriftstellerin Klára Vlasáková in den Künstlerhäusern Worpswede. Das Projekt wurde in Kooperation mit dem Festival globale° und dem virtuellen Literaturhaus in Bremen, sowie dem tschechischen Literaturzentrum in Prag durchgeführt und durch die großzügige Förderung durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der Mährischen Landesbibliothek und dem Goethe Institut in Prag ermöglicht.

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Worpswede – eine Annäherung von Petr Šesták
Ich wurde gebeten, einen kurzen Text über den Residenzaufenthalt für Schriftsteller in Worpswede zu schreiben. Bei Aufenthalten im Ausland, auch den relativ kurzen, bemühe ich mich, zumindest etwas in die örtliche Kultur und deren hauptsächlichen Träger – die Sprache – einzutauchen. Deshalb habe ich mich entschieden, den Text in meinem furchtbaren Deutsch zu schreiben, das ich früher in der Schule gelernt habe. Ich war jedoch ein sehr schlechter Schüler und bin nur deshalb nicht durchgefallen, weil mich meine Lehrerein wohl als Menschen ganz gern hatte. Sie wäre jetzt bestimmt stolz auf mich.
Dieses im weitesten Sinne von Apollinaire inspirierte gesammelte Werk entstand also im Original in Deutsch, nur mithilfe eines Wörterbuchs. Um die tschechische Übersetzung auf adäquatem Niveau kümmerte sich der Google Übersetzer. Kaum Regeln, kaum Grammatik. Nur der Zauber des Ungewollten. Nur dada.
Irgendwo-rpswede
Worpswede
das Flachland
die Torfmoore
die Kühe
die Künstlerkolonie
Die Verkäuferin des Lebensmittels ist Künstlerin
Der Rausschmeißer im die Music-halle ist Künstler
Der Kellner im Taverne Lakis ist griechisch Künstler
Die Briefträgerin ist Künstlerin
Die Nachbarn sind Künstler
Du bekommst einbischen paranoid
Du schliesst die Tür dainem Atelier zu
Deine Ankunft
Hauptbahnhof Bremen
Du siehst Elvis
Er hat nicht gealtert
aber er hat sich noch gerundet
Elvis versteckst sich hier
weil hier
im freie Hanselstadt Bremen
niemand würde ihn suchen
In deinem Atelier
Du sitzt vor dem Computer
Du schaust aus dem Fenster
wo worpsweder Windmühle ist
Wenn du beginst dein Roman schreiben
der Kopf der Windmühle sich drehe
und sie stehst mächtig gegen dich
Ein Viertel der Stadt Bremen
das das Viertel heißt
In die Kneipe Wienerhof
„Du fühlst dich voll Glück eine Rose steht auf dem Tisch
Und statt an deinem Märchen in Prosa zu schreiben
Siehst du dir den Goldkäfer an der im Herzen der Rose schläft“*
Eine Menge Zigaretten
eine Menge Haake
Du dich verlierst
Ein Hof mit roten Laternen
eine Ware die winkt
eine Ware die die Küsse sendet
Du laufst weg
mit die Brust umklammerte
Du bereust alles
und irgendwie
du bereust auch dich selbst
Die Windmühle dort draussen
stehst mächtig gegen dir
Wenn du beginnst schreiben
sie sich bedrohlich nähert an
Dein innere Sancho Panza
sagt
„Hier ist ein gemütlicher sofa fur dich
Während du schriebst dein miserabel Roman
die Preise der Hypotheken wachsen“
Ein Traum
Mit einem Freund du fängst
kleine buntfarbige Spanner oder Raupen
zwischen zwei Finger
Du isst sie lebendige
Psychedelische Effekte werden erwartet
Du wachst im Worpswede auf
Die Oase der Heim
Lidl in Worpswede
Lidl wo auch immer
Fast gleichen Sachen
Sachen an seinem Platz
Im fast gleichen Plastikverpackungen
mit schöne Bilder
Du kaufst die Bilder
die Kassiererin dich lächelt an
Du fühlst warmes Glück
Du sitzt vor dem Computer
Du schaust aus dem Fenster
und dort draussen
stehst du
und du fuchtelst seltsam mit den Händen
* Guillaume Apollinaire: Zone
Nachdichtung: Johannes Hübner
Dieser Text entstand im Rahmen des Pilotprojekts »Tapetenwechsel« - Ein deutsch-tschechischer Kulturaustausch während des vierwöchigen Arbeitsaufenthalt (5.11.-2.12.2018) des tschechischen Schriftstellers Petr Šesták in den Künstlerhäusern Worpswede. Das Projekt wurde in Kooperation mit dem Festival globale° und dem virtuellen Literaturhaus in Bremen, sowie dem tschechischen Literaturzentrum in Prag durchgeführt und durch die großzügige Förderung durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der Mährischen Landesbibliothek und dem Goethe Institut in Prag ermöglicht.

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Klára Vlasáková und Petr Šesták im Gespräch mit Viktorie Knotkova während ihrer Lesung im Focke Museum Bremen, November 2018, Foto: Katharina Groth